Sigrid Hauff

Ich studierte Islamwissenschaft (Rudi Paret, Hellmut Ritter); Philosophie (Ernst Bloch) und Romanistik in Tübingen und Istanbul. Ich unterrichtete fast zwanzig Jahre lang an Universitäten und Goethe-Instituten in Ägypten (Kairo), Afghanistan (Kabul) und Griechenland (Athen).

Gedichte, Kurzgeschichten, Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, Katalogbeiträge, Rundfunksendungen über literarisch-philosophische Themen und über Menschen, die im Gegenlauf zu unserer Zeit ihre eigenen Wege gehen oder gegangen sind, wie z. B. Herbert Achternbusch, Sun Ra und Robert Lax. Die Sendung über Robert Lax "is was - was is" war im November 1990 Hörspiel des Monats. Meine Biografie von Robert Lax erschien 1999 im belleville-Verlag. 

Allgemeine Daten - wie oben - sagen wenig. Wichtig in meinem Leben ist, was mir selbst wichtig war und wurde.

Das Elternhaus prägte mit seinen Werten: geradlinig, ehrlich, fleißig. Der Alltag forderte, verwöhnte nicht. Aber ich fühlte mich geborgen, kannte fast alle im Dorf, fühlte mich geliebt. Ich lernte verzichten, eine absolut wichtige Qualität, wie sich im Laufe der Zeit herausstellen sollte.

„Lesen“ bedeutete für die Eltern: Nichtstun. Wilhelm Hauffs "Lichtenstein“ war eines der fünf Bücher der Eltern. Der Roman des Vorfahren wurde mir ans Herz gelegt. Mangels anderer Bücher kannte ich das Buch mit 12 Jahren fast auswendig.

Danach kamen die wichtigen Einflüsse von außerhalb.

Mein hoch geschätzter Lehrer Walter Wahl drückte mir um diese Zeit Hölderlins "Hyperion“ in die Hand, mit einer lieben Widmung. Ab dem Moment rettete ich mich aus dem Alltag in die Welt der Dichter und Denker und schöpfte Mut und Vertrauen, meinen eigenen Weg zu gehen.

Walter Wahl fuhr irgendwann mit dem Fahrrad von Frickenhausen nach Nürtingen und kam klatschnass vom Regen bei meinen Eltern an, um ihnen mitzuteilen, dass ich ab morgen die Realschule in Nürtingen besuchen werde. Er hatte sie nicht gefragt, ob sie damit einverstanden sind.

Der Rektor der Realschule setzte sich dafür ein, dass ich nach der Mittleren Reife die Wirtschaftsoberschule in Reutlingen besuchen konnte. Der erste Kontakt zu meinem Schulfreund Hartmut Geerken war der Austausch eigener Gedichte, an der Holztreppe im alten Brauereigebäude, wo diese Schule damals untergebracht war.

Auf der Neckarbrücke in Tübingen kamen Hartmut und ich überein, ein Fach zu studieren, das möglichst wenige studierten: Orientalistik bzw. Islamwissenschaft - die eindrucksvollen Kalligraphien in der Moschee von Bursa/Türkei und die orientalische Flötenmusik unter dem Pont Neuf in Paris im Hinterkopf.

Hartmut und ich beschlossen damals, zusammenzuhalten "wie Pech und Schwefel“. Außer einer Goethe-Ausgabe, die unser Deutschlehrer verscherbelte, hatten wir nichts was uns gehörte. In manchen Vorlesungen des Islamwissenschaftlers und Koranübersetzers Rudi Paret waren wir die beiden einzigen Hörer – und deren Namen verwechselte er.

Am Ende eines gemeinsamen einjährigen DAAD-Stipendienaufhalt in Istanbul (Kunstgeschichte (Ipşiroğlu) und Orientalistik (Hellmut Ritter) wurden uns am Tag des geplanten Umzugs nach Göreme außer den wenigen inzwischen erworbenen „Besitztümern“ sämtliche Mitschriften aus allen Vorlesungen in Tübingen und Istanbul und die Vorarbeiten und Zettelkästen für unsere beiden Dissertationen gestohlen. Uns blieb, was wir auf dem Leib trugen. In Ortahisar/Göreme mieteten wir daraufhin für umgerechnet DM 10 monatlich ein Häuschen und begannen, den ersten zukünftigen Gastarbeitern Deutsch, Englisch und Französisch beizubringen.

Die Idee „Goethe-Institut“ kam mir bei einer gemeinsamen rasenden Fahrradabfahrt vom Bläsibad in Tübingen. Für ein oder zwei Jahre … dachten wir ursprünglich. Es wurden überaus spannende Jahrzehnte in Ägypten, Afghanistan und Griechenland. Unzählige Begegnungen und Anregungen gehen auf Hartmut und unseren gemeinsamen Aufenthalt in diesen Ländern zurück (siehe www.hartmutgeerken.de

Fremde Gedankenwelten faszinierten. Menschen verkörperten diese Welten, und so wurden einige wenige außergewöhnliche Menschen gute Freunde und eine Herausforderung für mich und meine eigene Welt. Jeder, auch Hartmut, ist verbunden mit dem Prozess, der mich mir selbst nahebrachte und mir die Welt in vielerlei ungewohnten Perspektiven präsentierte: Ernst Bloch, Salah Ragab, Sun Ra, Kostas Yiannoulopoulos, Herbert Achternbusch, Robert Lax, Boris Landa und die russischen Pythagoräer auf Gavdos/GR, und nicht zuletzt: der Philosoph Salomo Friedlaender/Mynona, dessen "Gesammelte Schriften" wir seit einigen Jahren herausgeben.

Fast alle engen Freunde waren herausragende Einzelgänger oder lebten bewusst abseits vom Alltag, im Gegenlauf zu ihrer oder unserer Zeit. Von ihnen lernte ich: kritisch mit Gedanken spielen, einen künstlerischen oder spirituellen Ausweg aus dem Alltag finden, sich kreativ eine eigene Welt schaffen, Ansprüche reduzieren … Sie wirkten und wirken - ob gewollt oder nicht.

Man betrachtet seine Heimat mit fremden Augen, wenn man nach Jahren zurückkehrt. „Wartaweil“  passte haargenau. Vieles im deutschen Alltag erlebe ich als Komödie, vor orientalischem Hintergrund. Es gibt vieles, was ich nicht brauche. Und ich kann warten.  

Es sind die Menschen, die ich getroffen habe, die mein Leben bereichern. Menschen wie Pierre Bertaux, (der bei seinem Flug nach Athen ein Hölderlinfoto ans Flugzeugfenster hielt, damit Hölderlin endlich seine griechische Heimat sah); Joseph Beuys (bei einer Einladung in Athen unterhielten wir uns sehr lange über Achternbusch, den er nicht kannte); Rolf Bodenseh (konsequent und konzessionslos, was die künstlerische Form der von ihm behauenen Steine angeht); Roman Bunka und Grace Yoon (und ihr Netzwerk von guten Freunden), Abu Dagir (seine Violine ist meine Medizin), herman de vries und seine Frau Susanne („be happy“); Romuald Karmakar (schon im  Athen der frühen 80er-Jahre hoch interessiert am Jungen Deutschen Film); Hans Keilson (Humor und Menschlichkeit auch noch kurz vor seinem 100. Geburtstag); Mohammed Mounir (berühmt und bescheiden); Urs Plangg (künstlerisch arbeiten ist spirituelle Erfahrung); Famoudou Don Moyé (fast täglich gutgelaunte Anrufe aus Marseille); Rosa von Praunheim (sein AIDS-Test war Gesprächsthema bei seinem Besuch in Athen 1980); Jean Rouch (zu Tisch mit dem heiter-humorvollen Ethno-Filmemacher im Völkerkundemuseum München, kurz vor seiner letzten Afrikareise); Klaus Staeck (Kunst mischt sich ein); John Tchicai (meditierte in karger afghanischer Landschaft und im Trubel Westafrikas); die Mitglieder des Bielefelder Colloquiums Neue Poesie und der Sun Ra Convention und viele ungenannte wunderbare Freunde. Kinder, Enkel … auch sie gehören dazu.

Literatur, Philosophie und Musik - nicht nur Westeuropas - haben mich geprägt. Wenn ich all die Freunde aus vergangenen Jahrhunderten, auf die ich mich eingelassen habe, nennen müsste - es würde eine lange Liste. Ihnen allen verdanke ich meinen Weg.